War ich schon immer eine Frau?

Um ehrlich zu sein, ich bin mir nicht sicher. Heute bin ich mir sicher eine Frau zu sein. Aber früher? Als ich aufwuchs? Ich weiß es nicht. Als ich aufwuchs hatte ich den Namen eines Jungen. Ich trug die Kleidung eines Jungen. Wurde wie ein Junge behandelt. Und ich spielte mit Jungs. Wenn ich mit anderen spielte. Aber das ist ein anderes Thema. Und man setzte Erwartungen in mich die ich als typisch für einen Jungen halte. Und natürlich versuchte ich diese Erwartungen gerecht zu werden. Nicht immer mit Erfolg. Somit stand für mich fest ich bin ein Junge. So war „die Ordnung der Dinge“. Und so ging es bis in mein Erwachsenen leben hinein.

Wenn man sich als Trans* outet, kommt nahezu zwangsweise die Frage: „Seit wann…?“. Und an dieser Stelle musste ich gestehen, ich weiß es nicht. Ich weiß es bis heute nicht. Die am weitesten zurückliegenden Erinnerungen in dieser Hinsicht dürften so im Alter von 10 oder 11 Jahren sein. Über so was führt man ja nicht Buch. Und es war weniger ein Geistesblitz a la „Ich bin eine Frau!“ – sondern eher ein „Wie wäre es ein Mädchen/eine Frau zu sein?“. Oder „Ich bin lieber eine Frau“. Viel subtiler. Undifferenzierter. Es fing mit Tagträumen an. Ich saß häufig über meinem Lego und Träumte davon wie es wohl wäre eine Frau zu sein. Natürlich hatte ich noch keinen Begriff dafür. Der Gedanke gefiel mir. Ich fühlte mich wohl damit.

Als die Pubertät einsetzte und sich damit der Körper veränderte, geschah das in gewisser Weise unabhängig von meinem selbst. Häufig lese ich wie gerade in der Pubertät das Unwohlsein oder gar Abscheu gegenüber dem eigenen Körper, oder Teilen davon, zu einem großen Thema wird. Nicht so bei mir. Es geschah einfach. Ich hatte meine Fantasie. Und für die Erwartungen die man an einen Jungen bzw. Mann stellte, hatte der Körper Vorteile. Mir blieben die Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht verborgen. Unabhängig vom Biologisch offensichtlichen. Das männliche Auftreten oder Dominanz Verhalten zum Beispiel. Oder Machosprüche. Das war nichts für mich. Die meisten Themen bei Unterhaltungen unter Männern haben mich einfach nicht interessiert. Wenn ich mal bei Frauengesprächen dabei sein konnte fand ich die viel interessanter. Und hier ist mir schnell ein gewisser unterschied aufgefallen. Bei manchen Themen, insbesondere bei den „Typischen Frauenproblemen“ wie Menstruation, Probleme mit der Brust oder bei der Schwangerschaft. Oder über Beziehungen und Gefühle. Da hatten die anderen Männer die Augen verdreht und sind ganz schnell verschwunden. Ich wiederum fand das interessant. Hier hörte mit großem Interesse zu. Mich störte nur das ich nicht mitreden konnte. Dadurch fühlte ich mich irgendwie fehl am Platz. Genauso wie bei den Männern. Ich saß zwischen den Stühlen. Und in gewisser Weise tue ich das heute immer noch.

Steter Tropfen höhlt den Stein sagt ein Sprichwort. So war es auch bei mir. Es fing mit Kleidung meiner Mutter an. Erst nur kurz zum „ausprobieren“. Dann kamen die eigenen weiblichen Kleidungsstücke. Aus dem „nur mal kurz“ wurde irgendwann ein Abend nach der Arbeit. Oder ein Wochenende. Irgendwann auch unterhalb der männlichen Kleidung. Nur für mich. Und es fühlte sich gut an. Nicht sexuell erregend. Das stand generell dabei nie im Vordergrund. Noch hatte es den „Hauch des Verbotenen“. Inzwischen hatte ich einen Namen dafür. Dem Internet sei Dank. Dennoch wollte ich es nicht wahrhaben. Und es Tropfte weiter. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, am 20.6.2015.

Und seit wann weis ich nun, dass ich eine Frau bin? Das hängt davon ab wie man es definiert, eine Frau zu sein. Ich will hier aber keine Philosophische oder Soziologische Debatte vom Zaum brechen. Der für mich prägende Zeitpunkt, der „Point of no Return“ war im Sommer 2017. Ich stand gerade an der Ampel auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Zu dem Zeitpunkt war ich bereits überall geoutet, die Vä/Pä lief bereits. Die HET hatte ich erst begonnen. Die Sonne schien mir ins Gesicht. Das leben war schön. Da erinnerte ich mich plötzlich an eine Szene aus einer dieser Amerikanischen Arztserien. Ich weiß nicht mehr welche das war. Oder wann ich die gesehen hatte. Und es ist auch nur dieser eine Handlungsstrang aus der Folge hängen geblieben. Eine Frau kommt mit ihrem Freund ins Krankenhaus. Im Laufe der Folge erfahren wir das sie ebenfalls bei ihrer Geburt dem Männlichen Geschlecht zugewiesen wurde. Durch die Untersuchungen kommt heraus das die Medikamente für die HET bei Ihr Nebenwirkungen haben. Also entweder weiter nehmen und unter Schmerzen sterben. Oder absetzen und optisch zurück in das zugewiesene Geschlecht. Nach heutiger Sicht ein Platter und Plakativer Plot. Die Frau weigerte sich. Der Arzt will das Leben seiner Patientin retten und der Mann seine Freundin nicht verlieren. In einem unbeobachteten Moment erhängt sie sich. Ende. Der Vorhang fällt. Ich weiß noch wie ich damals dachte, setze doch die Medikamente ab. Du lebst. Hast deinen Freund. Es wird dir gut gehen. Aber nicht so an diesem Tag im Sommer 2017. In einem Bruchteil einer Sekunde wusste ich warum Sie sich erhängt hatte. Was es ihr bedeutet hatte als Frau zu leben. Als Frau wahrgenommen zu werden. Als Frau behandelt zu werden. In diesem Sekundenbruchteil fühlte ich wie sie. Ich wusste ich würde mich wie sie entscheiden. In diesem Augenblick wusste ich, das ist mein Punkt ohne Rückkehr.

Liebe Grüße

Sandra Pietzsch

Ein Gedanke zu „War ich schon immer eine Frau?

  1. Irgendwie gleichen sich all unsere Schicksale. Egal ob ich einen Transfilm sehe, oder Deine Berichte lese. Es gibt immer vieles was gleich ist, und der Rest ist ähnlich. Auch ich hatte die Kleider meiner Mutter an, zusätzlich hatte ich Ihren Lippenstift genutzt. Später war auch mir klar, das ich irgendwie anders bin, aber ich wusste auch nicht wie und was das war. Bis hin zu dem Selbstmord. Mein psycho hat mich gefragt, ob ich lieber ein Leben als Mann führen würde, oder lieber eine tote Tanja sein möchte. Ich brauchte nicht zu überlegen, wenn es nur die beiden Optionen gibt, dann lieber tot.

    Liebe Grüße Tanja

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