Schreiben an Dr. Dauer

Sehr geehrter Herr Dr. Dauer,

am 22.06.2017 war ich bei Ihnen zur psychologischen Begutachtung zur Änderung meines Namens und Personenstandes nach dem Transsexuellen Gesetz. Nach Rücksprache mit Ihrer Assistentin Frau xxxx habe ich erfahren, dass das vom Gericht beauftragte Gutachten bisher nicht erstellt wurde.

Mir ist bewusst, darauf hatten Sie in unserem Gespräch ja auch hingewiesen, dass Sie derzeit viele Aufträge haben. Allerdings halte ich eine Bearbeitungszeit von 3 Monaten für sehr lang. Die Wartezeit empfinde ich auch als sehr belastend. Die Zeit für das Gericht muss ja noch dazu gezählt werden. Soweit mir bekannt ist, ist Transsexualität nicht Ihr reguläres Aufgabengebiet. Daher möchte ich Ihnen an einigen alltäglichen Situationen kurz beschreiben was es transidenten Personen, wie mir bedeutet, mit dem falschen, alten Ausweis und Namen unterwegs sein zu müssen. Das sind keine theoretischen Szenarien, sondern habe ich tatsächlich mehrfach so erlebt.

Stellen Sie sich vor Sie stehen an der Supermarktkasse und wollen mit Ihrer EC Karte bezahlen. Und auf der steht noch der falsche, männliche, Name. Durch Kleidung, Auftreten und Styling sehen Sie, gewollt, weiblich aus. In diesem Fall muss die Kassiererin nach dem Personalausweis fragen. Und in dem Moment erzählen Sie mehr über sich als Sie eigentlich wollen. Und das nicht nur der Kassiererin, sondern auch den Kunden die hinter Ihnen stehen. Oder Sie wollen ein Päckchen bei der Post abholen. Oder wie jetzt am Sonntag zur Wahl. Die Liste der Personen denen Sie intimste Details Ihres Lebens preisgeben, wird immer länger. Etwas, was ich jedes Mal als peinlich und entwürdigend empfinde. Nach Gesprächen mit anderen Trans* Personen, und eigenem Empfinden, wollen wir eigentlich nichts anderes als unerkannt in unserem Wunschgeschlecht leben. Ohne uns regelmäßig fremden Personen gegenüber erklären zu müssen.

Aber das ist noch nicht alles. In unserem Gespräch erwähnte ich, dass ich hier in Halle bei Dell arbeite. Eine große, internationale Firma mit vielen externen Kunden und Partnern. Natürlich wissen meine Kollegen und die Geschäftsleitung am Standort Halle bescheid und unterstützen mich. Aber jedes Mal, wenn ich eine Weiterbildung für meine Kollegen außerhalb von Halle gebe, haben meine E-Mail Adresse oder Interne Accounts nach wie vor den falschen, alten Namen. Das heißt innerhalb meiner eigenen Klasse, die ich als Lehrerin führen soll, werde ich falsch angesprochen. Was indirekt und unbewusst, meine Autorität untergräbt. Diese falsche Anrede erinnert mich an etwas, was ich für mich ablehne und von dem ich mich trennen muss damit es mir gut gehen kann. Die gleiche Situation herrscht wenn ich mit Kollegen außerhalb von Halle kommuniziere. Oder gar mit Partnern oder Kunden meines Arbeitgebers. Und das täglich. So etwas kann selbst den besten Tag ruinieren. Selbst als Laie sehe ich hier ernsthafte Probleme ständig zwischen 2 Persönlichkeiten wechseln zu müssen. Heute wurde ich wieder von einer Kollegin gefragt, wann denn nun mein Name korrigiert wird. In diesem Moment blieb mir nichts anderes übrig als ihr den aktuellen Stand des Antrages erklären.

Seit Februar lebe ich nun durchgehen als Frau und trete als solche auf. Eine Entscheidung, die ich für keine Sekunde bereut habe. Meine allgemeine Grundstimmung hat sich, bis auf kleine Ausnahmen, auf ein Niveau verbessert, wie ich es vorher nie für möglich hielt. Bereits vor meinem Outing konnten meine Kollegen eine deutliche Verbesserung meiner Stimmung, Leistungsfähigkeit und auch im sozialen Umgang feststellen, worauf Sie mich natürlich ansprachen. Aktuell habe ich 7 Wochen Hormon Ersatz Therapie hinter mir. Auch nur die Vorstellung, warum auch immer, wieder zurück in mein altes, männliches Leben zurück zu müssen, verursacht Angst, Panik und extremes Unbehagen. Etwas, das ich kategorisch ablehne. Sollten Sie noch Zweifel an meinem Wunsch, weiterhin als Frau leben zu wollen haben, bin ich gerne bereit für ein weiteres Gespräch in Ihr Institut zu kommen.

Ich bitte Sie daher, das vom Gericht geforderte Gutachten schnellstmöglich fertig zu stellen und dem Gericht zur Verfügung zu stellen. Ich denke es ist auch in Ihrem Interesse das Gericht nicht länger als absolut notwendig warten zu lassen.

Mit Freundlichen Grüßen

Sandra Pietzsch

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