Mein Outing

Letztes Update am 5. November 2017 um 10:38

Mein Outing

Die meisten Trans* Personen stehen früher oder später vor einer Herausforderung, die das ganze weitere Leben nachhaltig verändert. Das Outing. Sei es nun freiwillig oder von anderen erzwungen. Für die einen ist es eine Erleichterung und Verbesserung. Für die anderen leider nicht. Egal weshalb ihr euch outen wollt oder gegenüber wem, sucht euch jemanden verbündeten. Jemanden der euch zumindest moralisch den Rücken stärkt. Und euch auffängt, wenn es schiefgeht. Falls Ihr hergekommen seid um eine Anleitung für euren Coming-Out, für eure Offenbarung, zu finden, tut mir leid, ich kann euch keine geben. Nicht weil ich nicht möchte, sondern weil es schlicht keine Anleitung gibt. Das ist ein zutiefst persönliches und individuelles vorgehen. Ich kann nur darüber berichten wie mein Outing war.

Die Frage die auch ich mir immer gestellt hatte war: „Was kann schlimmsten falls passieren?“. Und die Antwort war immer: „Verlust der Familie, Freunde, Arbeit“. Ohne irgendjemanden oder irgendetwas da zu stehen. Etwas was das Leben bisher zumindest einigermaßen mit Sinn erfüllt hat. Und das schreckt natürlich erst einmal ab. Kommt euch das bekannt vor? Ab einem gewissen Punkt ist aber selbst das Worst Case Scenario noch besser als so weiter zu machen wie bisher.

Wenn ihr Wissen wollt wie es bei mir ausging, lest weiter.

Vor meinem Outing

15.01.2015 Noch aus einer Zeit voller Selbstzweifel. Eines der eher glücklicheren Momente mit Freunden in einem Restaurant.

Mein Leben bisher war recht banal und eigentlich langweilig. Es bewegte sich eigentlich nur zwischen Arbeit und zu Hause vorm Computer. Zumal noch in einer Stadt mit der ich nichts anfangen konnte. Nur um Arbeit zu haben bin ich nach Halle gezogen. Deprimierend, ich weiß. Ich hatte meine mehr oder weniger regelmäßigen Tiefpunkte mit denen ich gelernt hatte zu leben. Am 20.6.2015 war es mal wieder soweit. Diesmal aber so schlimm das ich Angst bekam nicht mehr aus dem Loch heraus zu kommen. Außerdem kamen diese Tiefpunkte immer häufiger und heftiger. Das war für mich der Moment wo selbst das Worst Case Scenario wie eine Verbesserung aussah. Leider zweifelte ich an allem. Insbesondere an mir. Will oder kann ich wirklich als Frau leben? Also was tut jemand der es von Berufs wegen gewohnt ist Diagnosen zu erstellen? Richtig, ich habe mich selbst getestet. Ich hatte mir 2 Aufgaben gestellt.  Etwas für das ich bisher keinen Sinn oder Notwendigkeit gesehen hatte und daher keinerlei Antrieb hatte. Etwas das jetzt aber durchaus sinnvoll und sogar notwendig wurde. Und um zu sehen wie ernst es mir mit allem wirklich ist.

Mein Gewicht betrug 114kg bei 1,80m, also ein deutliches Übergewicht. Somit begann ich meine Ernährung umzustellen und Joggen zu gehen. Nach ca. 7 Monaten war ich auf 79kg runter. Von Konfektionsgröße 52/54 runter auf 44. Die Bilder in meiner Galerie sollten das verdeutlichen. Und ich halte das Gewicht.

Das 2. was ich in Angriff nahm war, mir endlich ein Auto zu kaufen. Führerschein hatte ich schon lange, nur gefahren bin ich nie. Es war nie notwendig und ich bin auch nie gerne selber gefahren. Aber ich dachte mir, dass es sicherlich sehr praktisch und auch notwendig werden könnte, falls ich Termine außerhalb von Halle habe. Und das war eine sehr gute Entscheidung. Siehe dazu auch meinen Beitrag Trans* in Frankfurt. Vorsichtshalber hatte ich noch ein paar Übungsstunden bei einer Fahrschule genommen. Diese und andere Veränderungen sind nicht ohne Beachtung geblieben.

Meine Mutti

Die erste die mich auf die ganzen Veränderungen ansprach war meine Mutti. Natürlich hatte ich damit gerechnet. Ich gebe zu das ich es auch provoziert hatte. Die Haare wurden länger, häufiger auch mal Nagellack, die allgemeine Stimmung wurde besser und ich wurde Kommunikativer. Im Sommer 2016 fragte sie mich gerade heraus: „Willst du ein Mädchen sein“. Ja, sie benutzte tatsächlich diese Worte. Das war zwar schneller als ich geplant hatte, aber was soll’s. Endlich die Wahrheit sagen zu können fühlte sich unglaublich befreiend an. Somit war ich bei meiner Mutti geoutet. Es war mir bei ihr aber auch wichtig klar zu stellen das es nicht ihre Schuld ist, wiso auch. Oder sie etwas falsch gemacht hat bzw. es nicht früher hätte erkennen können. Alles in allem ist sie sehr verständnisvoll und unterstützt mich. Es gibt hin und wieder ein paar Fragen. Und natürlich ist sie besorgt wegen der Medikamente und da ich die GaOP anstrebe. Aber das ist ok.

Mein Vati

Bei meinem Vati hatte ich die meisten bedenken. Er hatte, gerade wenn im Fernsehen ein Bericht zu diesem Thema kam (Trans*, CrossDressing usw.), immer mit negativen und ablehnenden, eigentlich machohaften, Kommentaren reagiert. Ihr seht worauf ich hinaus will? Allerdings hatte ich mich mittlerweile soweit weiter entwickelt das ich auch bei meinen Eltern als ich auftreten und leben wollte. Als Sandra. Die Bezeichnung „müssen“ ist hier eigentlich besser. Denn ich merkte so langsam wie mich der ständige Wechsel Irre machte. Auf Arbeit Andreas spielen, im privaten ich sein. Am 3. Advent 2016 fuhr ich also zu meinen Eltern. Meine Mutti hatte ich vorgewarnt. Man hatte ich eine Angst. Und seine Reaktion? „Ok, das musst du wissen“. Wie jetzt? Das ist alles? Ja, das war alles. Wir haben nie wieder darüber geredet. Ob das jetzt gut oder schlecht ist muss ich noch herausfinden. Aber seitdem bin ich auch bei meinen Eltern nur noch ich.

Natürlich sollte erwähnt werden das meine Eltern noch so Ihre Probleme haben mich Sandra zu nennen. Auch nach fast einem Jahr. Es wird aber besser. Die einzigen bedenken die meine Eltern hatten war das ich wie eine DragQueen rum laufe. Das liegt wahrscheinlich daran das das die einzigen sind von denen die „Normalos“ über die Medien erfahren. Trans* ist da relativ unterrepräsentiert.

Meine Geschwister, Oma und alle anderen

Hier telefoniere ich mit Ines. Sie hat gerade erfahren das sie nun eine große Schwester hat.

Meine Geschwister, Ines und Daniel, beide jünger als ich, leben zu diesem Zeitpunkt am Bodensee, in der Nähe von Konstanz. Von Halle zu Ihnen sind es über 600km. Also fällt vorbeifahren und persönlich erzählen weg. Somit entschied ich mich Ihnen eine Mail zu schreiben. Das war im Januar 2017. Die Mail gab ihnen die Möglichkeit sich zu sammeln, drüber nach zu denken, miteinander und auch mit unseren Eltern zu reden

Ines

Zuerst rief mich Ines an. Auch sie hatte die üblichen Fragen, warum, seit wann, wie sind die nächsten Schritte und so weiter. Sie war sehr verständnisvoll. Immerhin war Sie nun nicht mehr das einzige Mädchen von uns 3. Allerdings weigerte sie sich mich Sandra zu nennen bis sie mich persönlich kennen gelernt hat. Ok, damit kann ich leben und ist auch durchaus fair. Glücklicherweise kam das persönliche treffen schneller als geplant. Nur der Umstand war „bescheiden“.

Daniel

Mein Bruder brauchte etwas bis er mich anrief. Er und ich haben ein sehr inniges Verhältnis. Und die Tatsache das er anstelle eines großen Bruders nun eine weitere große Schwester hat ist sicherlich nicht so einfach zu verarbeiten. Nach dem wir die normalen Fragen geklärt hatten, fragte er nur wie er mich nun nennen soll, abgesehen von Sandra. So kam er auf die Bezeichnung „BroWester“ (mix aus Bruder und Schwester) – so wirklich glücklich bin ich damit aber nicht. Dann sagte er aber etwas was ich mein ganzes Leben nicht vergessen werde. Und mich auch heute noch zu Tränen rührt.

„Ich stehe hinter dir. Und wenn es sein muss auch vor dir.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die restliche Verwandtschaft

Bei meiner Oma, Mütterlicherseits, ging es auch recht schnell und schmerzlos. Ich glaube sie hat es am schnellsten verarbeitet und akzeptiert. Sie ist übrigens die erste die mich durchgängig Sandra nannte. Weitere Omas oder Opas habe ich leider keine mehr.

Das erwähnte Zusammentreffen mit meinen Geschwistern war leider eine Beerdigung. Im Vorfeld hatte ich mir überlegt ob ich doch noch mal als Andreas auftreten soll. Aber damit hatte ich mich überhaupt nicht wohlgefühlt. Die restliche Verwandtschaft wusste es doch sowieso schon, also Augen zu und durch. Auch aus dem einfachen Grund, ich hatte keinen Anzug mehr der mir passte. Ihr erinnert euch, 35kg? Also ging ich im Rock, Pumps und Sakko zur Beerdigung. Beim anschließendem Leichenschmaus war eigentlich das einzige Thema das mich betraf der Umstand das ich es geschafft hatte ab zu nehmen und das Gewicht zu halten. Und ich erhielt sogar ein Lob das ich sehr gut aussehe.

Somit ist das ganze Thema Familie durch. Ich wurde nicht abgelehnt oder verstoßen. Für alle beteiligten ist es nicht sonderlich leicht, aber möglich. Es gibt wahrscheinlich in jeder Familie die ein oder andere interessante Story, die man auch noch nach Jahren erzählt. Zumindest bin ich eine Bunte mit Happy End.

Eigentlich hatte ich schon gewonnen. Egal was noch passiert.

Arbeit und Freunde

Alle meine alten Freunde traf ich an einem Ort. Auf Arbeit. Wundert euch das? Am 14.Februar 2017 hatte ich meinen ersten Termin beim Psychologen. Dr. Seikowski in Leipzig. Dass er mich nicht gleich als Irre abtat, sondern mir Hausaufgaben in Form von Fragebögen und Aufsatz (TS Lebenslauf) mitgab, erlaubte es mir weiter zu planen. Am nächsten Tag wollte ich mich auf Arbeit outen. Ich wollte 24/7 ich sein. Aufgrund der Größe von Dell, wo ich als IT Trainerin arbeite, entschied ich, dass es wohl besser ist das gestaffelt zu machen. In Halle arbeiten über 1000 Menschen, über 120.000 Welt weit. Natürlich werde ich mich nicht bei allen outen. Nicht mal bei allen in Halle.

Chef und Kollegen

Zuerst rief ich meinen Chef an. Der arbeitet in Dublin/Irland. Das schwierigste hierbei war eigentlich die richtigen englischen Vokabeln zu finden und ihm die Deutschen Gesetzte und Vorschriften zu dem ganzen Prozess zu erklären. Abgesehen davon gab es keinerlei Probleme. Er zeigte Verständnis und hat mir auch seine Hilfe bei jedem weiteren Schritt diesbezüglich in der Firma angeboten.

Als nächstes hatte ich meine Trainer Kollegen aus Halle zum Gespräch gebeten. Auch von deren Seite gab es kein Problem. Meine Kollegin meinte nur so dass Sie es geahnt hatte, sie ist halt auch Mutter. Und mein Nagellack war doch nicht so dezent wie ich gehofft hatte. Bei meinen Freunden auf Arbeit sah es genauso aus. Sie akzeptieren es. Hin und wieder stellen Sie mir sogar Detailfragen. Meine Freunde habe ich mir schon immer genau ausgesucht.

Weitere Abteilungen

An die restlichen Kollegen in den direkt betroffenen Abteilungen hatte ich nur noch eine Mail geschickt. Es sind immerhin über 120 Personen. Was soll ich sagen, auch das verlief ohne Probleme ab. Mit den Teamleitern hatte ich schon im Vorfeld gesprochen, für den Fall das es da Probleme geben sollte. Einige meiner Kollegen kommen aus weniger westlich orientierten Gesellschaften. Später erfuhr ich das meine Mail auch Abteilungen erreicht hatte, mit denen ich eigentlich nichts zu tun habe. Und da ich mittlerweile seit über 11 Jahren in Halle arbeite, lernt man einige Leute kennen. Buschfunk in Höchstform.

Es gab aber auch einen kleinen Rückschlag. Am Tag meines Outings auf Arbeit sprach ich auch mit der Personal Abteilung. Als Vertreterin für die Geschäftsführung. Für den Fall das es Rechtliche Probleme gibt oder interne Prozesse eingehalten werden müssen. Dem war aber nicht so. Bei der Gelegenheit habe ich auch gefragt ob es möglich ist mich offiziell schon als Sandra Pietzsch zu führen. Email, Windows und Webseiten Accounts, Buchhaltung und so weiter. Da meine Vornamensänderung und Personenstandsänderung (VÄ/PÄ) noch nicht Rechtsgültig ist, war das leider noch nicht möglich. Mist. Kleines Trostpflaster, wir können einen bevorzugten Namen (Preferred Name) im System hinterlegen. Dadurch wird zumindest auf den Webseiten, in der Anrede, und in Berichten schon der richtige Name verwendet. Unser Security System läuft separat. Somit konnte ich mir schon einen neuen Ausweis mit richtigem Namen und neuem Bild machen lassen.

An dieser Stelle muss ich meinen Kollegen einfach einen riesen Dank aussprechen. Alle verwenden meinen richtigen Namen. Sogar wenn sie untereinander über mich sprechen, wie ich mal festgestellt habe. Insbesondere da in der Mailadresse und im Chatprogramm nach wie vor der alte Name steht.

 Abschluss

Wie ihr seht war es nicht so schlimm wie ich es befürchtet hatte. Um nicht zu sagen das es nahezu perfekt lief. Auch das vorgehen wird wohl bei niemandem so funktionieren. Das ist eine Möglichkeit, ihr müsst eure finden. Ich kann euch nicht versprechen das es bei euch auch so ablaufen wird. Allerdings möchte ich euch ermutigen es zu versuchen. Manchmal überraschen euch die Menschen.

Zu Beginn meine Transition habe ich eine Sache gelernt die euch vielleicht auch hilft:

„Egal ob du es heute, morgen oder nächstes Jahr wagst. Die Angst davor ist immer dieselbe. Was sich ändert, ist wie lange du die Früchte deines Mutes genießen kannst.“

Liebe Grüße

Sandra Pietzsch

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