Emotionaler Stress

Letztes Update am 17. Dezember 2017 um 22:06

Emotionaler Stress

LGBTI Flagge mit HerzHallo meine Lieben, heute will ich mal über ein paar Dinge schreiben dir mir so in letzter Zeit durch den Kopf gehen. Und zwar der emotionalere Stress. Es wird sich wahrscheinlich wie ein einziges mi-mi-mi anhören. Das ist aber mein Blog, also erlaube ich mir das mal.

Als ich den Mut gefunden hatte mit meiner Transition zu beginnen war mir klar das es sehr langwierig und schwierig werden wird. Das hört und liest man ja ständig. Meistens bezieht sich das auf Behördliche Verfahren (VÄ/PÄ). Oder Anträge für die Kostenübernahme bei der Krankenkasse. Aber um ehrlich zu sein ist das nur die Spitze des Eisberges. Über das persönliche hört und liest man im Vorfeld nur wenig.

Anträge

Beispiel MDK, Medizinischer Dienst der Krankenversicherung. Richtiger wäre MDS, Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen. Der MDS erstellt die Begutachtungsrichtlinien nach denen sich der MDK richtet. Und damit auch die Krankasse. Siehe hier, Abschnitt Transexualität.

Vor einer Weile hatte ich den Antrag auf Kostenübernahme für die Barthaarentfernung gestellt. Dieser wurde natürlich abgelehnt. Es würden Unterlagen fehlen. Auf meine Anfrage hin Mitte des Jahres, was alles benötigt wird, war davon aber noch nicht die Rede. Hauptbegründung für die Ablehnung aber war, das ich noch nicht meine 12 Monate Alltagstest hinter mir habe. Das wäre offiziell ab dem 15.2.2018 der Fall. Hier haben wir ein typisch deutsches Problem. In den Regeln des MDK zu dem Thema (letzte Ausgabe 2009) wird dieser noch verlangt. Das aber selbst unser Gesetzgeber für die VÄ/PÄ diesen nicht mehr verlangt, hat beim MDK keiner mitbekommen. Und natürlich wird eine Begründung verlangt, warum ich die Epilation brauche.

Auch hier muss ich mich wieder psychisch nackt vor einer Fremden Person hinstellen und das eigentlich offensichtliche erklären. In unserem Kulturkreis ist es eigentlich normal das eine Frau um 15:00 Uhr keinen Bartschatten hat. Aber es steht in den Regularien, also wird es gemacht ohne nach zu denken. Hier werden die Regularien des MDK befolgt als wären sie das Goldene Kalb.

Verbesserung?

Der Akt des Antrags schreiben ist nicht schwer. Wenn man weiß wie. Aber wie häufig macht man schon so eine Transition? Dann kommt die eigentlich schon obligatorische Ablehnung. Den emotionalen Hammer den man da verpasst bekommt kann man sich nur vorstellen, wenn man das schon mal durchgemacht hat. Warum wird nicht gesagt: Danke für Ihren Antrag. Bitte reichen Sie noch die Unterlagen A, B und C nach. Diese bekommen Sie von dort, dort und dort. Und eine Begründung für den Leidensdruck? Wofür habe ich das Gutachten von meinem Psychologen für F64.0?

Persönlich bin ich ein Fan von klaren Regeln. Regeln an die sich alle halten müssen. Das die KK nun nicht einfach so einen Antrag genehmigt sehe ich ein. Da könnte ja jeder kommen. Allerdings sollte man dennoch den eigenen Verstand benutzen um zu schauen, macht das in dieser Situation Sinn? Wenn eine bestimmte  Situation nachgewiesen wurde (zb F64.0) können dann gleich die nächsten sinnvollen Schritte automatisch folgen. Wie zb nur das Einreichen es Kostenvoranschlag für die Bartepi. Das das Notwendig ist sagt ja übrigens auch der MDK/MDS

Ich habe natürlich Wiederspruch eingelegt. Dafür habe ich eine Begründung geschrieben und noch einige Unterlagen eingereicht. Wahrscheinlich war ich tatsächlich zu gutgläubig. Das passiert mir kein zweites Mal.

Ok, genug gejammert über die Krankenkasse.

Das eigentliche Problem

Das ist aber ein kleines Beispiel, beziehungsweise Auslöser, für ein tiefer liegendes Problem. Der emotionale Stress. Der Stress durch die veränderten Lebensumstände und die Reaktionen der Mitmenschen. Auch darf man nicht vergessen was mich überhaupt dazu gezwungen hat die Transition zu starten. Dadurch gehe ich eigentlich schon seelisch am Boden krauchend in diesen Kampf. Meine Schwester sagte mir mal sie hätte mich nur als starke und emotional gefestigte Person in Erinnerung. Alle sind sie zu mir gekommen um mir Ihr Leid zu klagen und Ratschläge zu erhalten.

Die Wahrheit sieht leider komplett anders aus. Emotional und Seelisch bin ich ein Wrack. Und durch die laufende Hormonbehandlung ist es sogar noch schlimmer geworden. Ein einfaches Lied, eine etwas emotionalere Geschichte oder auch nur ein „Hi“ im Chat kann schon einen Weinkrampf auslösen. Bitte schreibt mich aber weiterhin im Chat an. Aktuell bin ich froh mein Leben einigermaß geregelt zu bekommen. Manchmal fehlt mir einfach die Motivation und die Kraft. Und gerade jetzt zur Weihnachtszeit ist es schwer.

Vor kurzem war ich mit meiner Schwester, Ihrem Freund und einer Ihrer besten Freundinnen in einem Restaurant. Damit ich meine Schwester mal wiedersehen kann, bin ich extra für einen Tag von Halle nach Dresden gefahren. Aktuell lebt meine Schwester in einer sehr nervenaufreibenden Scheidung. Und an dem Abend hat meine Schwester ihre Freundin auf den aktuellen Stand gebracht. Klar, für sie ist das momentan das so ziemlich wichtigste Thema in Ihrem Leben. Aber an dem Abend ging es fast nur darum. Und aktuell bin ich nicht wirklich in der Lage mich damit zu beschäftigen. Den die Story, zumindest das was ich mitbekommen habe, bekommt selbst Hollywood nicht hin. Natürlich versuche ich meiner Schwester zu helfen wo ich kann. Aber das wird mir Zuviel. Ines, tut mir leid es dir auf diese weise zu sagen.

Die kleinen Dinge

Es sind die kleinen Dinge die mir zu schaffen machen. Einige habe ich davon in meinem Artikel „Alltägliche Situationen“ beschrieben. Aber auch Dinge wie das beschriebene Problem mit der Krankenkasse setzt mächtig zu. Oder die schon ausführlich beschriebe Situation wegen meiner VÄ/PÄ. Diesbezüglich bin ich nächste Woche auch wieder auf Gericht. Zumindest auf Arbeit läuft es in dieser Hinsicht richtig gut. Dann die durch die Hormone ausgelöste 2. Pubertät. Könnt Ihr euch noch an eure erinnern? Diese hier empfinde ich um einiges intensiver.

Vor ein paar Monaten hatte eine Freundin ihre GaOP (Geschlechtsangleichende Operation). Ich habe mich riesig für sie gefreut. Oder wenn ich von anderen höre oder lese das sie diese hatten oder demnächst haben werden. Allerdings löst das bei mir ein Gefühl aus für das ich keinen Namen habe. Es ist intensiv wie Neid und Eifersucht. Inklusive des brennenden Wunsches diesen Punkt auch endlich zu erreichen. Allerdings ohne den negativen Unterton. Ich gönnen es ihnen ohne Vorbehalte. Sie haben auch dafür kämpfen und leiden müssen. Ich freue mich wahnsinnig für Sie da ich weiß wie es ihnen geht oder ging. Und heute bin ich näher an meinem Ziel als jemals zuvor. Aber dennoch reist mich sowas immer in ein emotionales Loch.

Schokoweihnachtsmann

Aktuell fühle ich mich wie ein Schokoweihnachtsmann. Von außen ist alles schön und heile Welt. Von innen aber hohl. Bitte versteht mich nicht falsch. Ich bereue die Entscheidung mit der Transition angefangen zu haben nicht für eine Plancksche Sekunde. Das war die beste Entscheidung die ich in meinem Leben je getroffen habe. Aber der emotionale Stress und die Belastung ist enorm. Auch wenn ich jemanden kennengelernt habe, wo ich mir sehnlichst wünsche das es eine stabile, erfüllende und andauernde Beziehung wird, bleibt mein altes Problem bestehen. Aktuell bin ich alleine. Wenn ich mal wieder so einen Zusammenbruch habe ist keiner da. Auch wenn man mich versucht über den Chat zu trösten. Es ist nicht dasselbe.

Abhängigkeiten

Was mir persönlich auch sehr zusetzt ist die Tatsache das ich eigentlich auf das schon fast gönnerhafte Wohlwollen anderer angewiesen bin. An der Kasse mit EC Karte kaufen? „Zeigen Sie mal bitte Ihren Ausweis. Ok, das Bild passt zwar überhaupt nicht mehr, aber ich glaube Ihnen mal.“ Dazu manchmal das zum Teil gönnerhafte Lächeln von einigen Cis Frauen: „Ich erlaube Ihnen mal sich wie MEIN Geschlecht/Sexuelle Identität zu fühlen und zu kleiden, auch wenn ich Sie nie als eine von UNS sehen werde“. „In 5 Monaten habe ich mal 5 Minuten Zeit für Sie um über Ihre HET zu reden“. „Sie wollen Ihren Namen bei uns ändern? Tut mir leid. Dafür müssen Sie erst einen langwierigen, demütigenden und auch teuren Prozess abschließen.“. „Für das Gutachten, für welches ich mir eventuell eine Stunde Zeit nehme, werden Sie so richtig Blechen müssen. Sie sind ja darauf angewiesen und haben keine Wahl. Und eine Bearbeitungszeit von 6 Monaten betrachtet das Gericht als ‚noch im Rahmen‘, also fuck you!“. Der Ergänzungsausweis des dgti ist eine nette Idee, aber wer außer den Polizeibehörden kennt oder akzeptiert den schon? Bin ich zu zynisch?

Einfacher?

Wenn ich im Internet unterwegs bin stoße ich häufig auf Blogs oder Artikel gleichgesinnter. Letztens habe ich aber diesen Beitrag gelesen. „You are trans enough: Even if you tend to present toward your assigned gender just because it’s easier that way”. Was so viel bedeutet wie “Du bist auch dann Trans* wenn du dich entsprechend deinem zugewiesenen Geschlecht präsentierst, weil es einfacher ist.“ Dieser Aussage stimme ich zu 100% zu. Dennoch hat mich dieser eine Satz gezwungen über mich und meine Situation nach zu denken. Wäre es für mich einfacher weiterhin die männliche Rolle zu spielen? Vor allem im Hinblick auf die oben beschriebenen Situationen. Ja, ich hätte eine Menge Geld gespart, beziehungsweise würde das Geld sparen. Ich bräuchte nicht von Pontius zu Pilatus rennen. Ich bräuchte mich nicht regelmäßig demütigen lassen. Aber ist das einfacher?

Ich habe 36 Jahre lang diese männliche Rolle gespielt. Das wird mir erst jetzt so richtig klar. Und das hat mich psychisch Kaput gemacht. Innerlich ausgehöhlt. Den einzigen Hoffnungsschimmer den ich aktuell habe, dass woran sich wahrscheinlich alle Trans* Personen klammern, ist die Hoffnung daß das irgendwann vorbei ist. Das ist der gleiche Schimmer der mich die letzten 36 Jahre hat durchhalten lassen. Das stoische Durchhaltevermögen das mich immer wieder hat aufstehen lassen, nachdem ich weinend in der Ecke saß und ich mich verfluchte und verdammte. Dafür das ich so bin wie ich. Aber zu dieser Rolle, zu diesem Leben, kann ich nicht zurück. Ich bin mir sicher das früher oder später ein Messer, Tabletten oder eine hohe Brücke mit einem Mal wieder sehr verlockend sein würden. Von daher ist es, trotz aller Widrigkeiten, einfacher für mich den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen.

Liebe Grüße

Sandra Pietzsch

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