Die Zukunft beginnt – Teil 2

Letztes Update am 1. August 2019 um 12:42

Nun ist es also soweit. Meine harte Arbeit der letzten Jahre würde sich nun auszahlen. Ein jahrelanger Traum würde nun in Erfüllung gehen. Mike hat sich extra für die Reise nach München Urlaub genommen, um mich begleiten zu können. Unser Zug sollte halb 11 in Frankfurt losfahren. Sollte. Zum Glück sind es nur 45 Minuten Verspätung. Ich rufe auch sogleich im Krankenhaus an, um mit zu teilen das ich etwas später ankommen werde. Die Zugfahrt selbst war unspektakulär und hat uns in etwas mehr als 3 Stunden von Frankfurt nach München gebracht. Zum Glück kennt sich Mike in München aus. Er hat 3 Jahre hier gearbeitet. Somit bringt er uns zielsicher mit der U-Bahn zum Rotkreuzklinikum.

Im Krankenhaus begebe ich mich zur Aufnahme wo ich auch schon erwartet werde. Wir klären die Formalitäten. Natürlich habe ich peinlich genau darauf geachtet alle erforderlichen Unterlagen mit zu bringen. Mir wird noch so ein Mitgliedsarmband ans Handgelenk gemacht und schon geht’s auf Station 1.1. Die Schwester hatte mich schon erwartet. Über meine Verspätung wurde sie aber nicht informiert. Es ist dennoch genug Zeit. Auf Zimmer 1.1.07 bin ich erst mal allein. Nicht mal ein Bett ist da. Das wird noch schnell herangeschafft. Ich packe meine Sachen aus. Dann haben Mike und ich einen kurzen Moment für uns.

Nach einer Weile kommt Dr. Merkel ins Zimmer und beginnt mit der vorgeschriebenen Aufklärung vor der OP. Nichts was ich nicht schon wüste oder mich jetzt noch abschrecken würde. Sicherheitshalber erwähne ich meinen Eisenmangel, der aber nie kritisch war. Danach geht’s zur Anästhesievorbereitung. Die Ärztin war ganz zufrieden mit meinen Werten. So gesehen bin ich eine Ideale Patientin. Keine Allergien, ich rauche nicht, ich trinke kaum Alkohol, gutes Herz, guter Puls und Blutdruck. In der Zwischenzeit hat Mike mir etwas Rote Beete Saft gekauft. Wie von Frau Merkel empfohlen. Nun ist auch das Abführmittel da. Das ich alles andere als genüsslich trinke. Aber was muss das muss.

Da ich die Nacht vom Montag zu Dienstag kaum geschlafen hatte, schlief ich um so schneller und tiefer im Krankenhaus. Am nächsten morgen hatte ich aber übelste Kopfschmerzen. Und Durst. Was macht man? Man trinkt natürlich was. Das hätte ich nicht tun sollen. Als ich das vor der OP wahrheitsgemäß erwähnte schickte man mich wieder zurück ins Zimmer. Somit wurde meine OP von 8:00 auf etwa 13:00 verschoben. Und ich hatte seit fast 48 Stunden nichts mehr gegessen. Und immer noch Durst. Aber da musste ich jetzt durch.

Kurz vor 13:00 kam mein Bettenfahrer wieder vorbei. Wieder wurde ich gefragt ob ich nervös war. Aber nicht die Spur von Nervosität. Ich war etwas aufgeregt. Ich fand das ganze Prozedere interessant. Und mal ehrlich, im Bett durch die Gegend gefahren zu werden fand ich cool. Endlich im Vorbereitungsraum angekommen bekam ich ein Zugang gelegt und eine Atemmaske auf. Dann hieß es nur noch: „So, das kribbelt etwas in den Armen und Beinen. Denken Sie an was Schönes“. Dann gab es noch ein mittel und ehe ich mich versah war ich weg. Wenn ich immer so schnell einschlafen könnte wäre das klasse. Als ich wieder zu mir kam war alles erledigt. Ich lag da, mit etwas Schwerem und Kaltem im Schritt. Das wars. Kaum schmerzen. Nur müde. Um ehrlich zu sein war ich etwas enttäuscht. Ich hatte gehofft zumindest den OP Saal mal zu sehen. Ich hatte die letzten 3,5 Jahre auf diesen Moment hin gearbeitet. Ich hatte an mir gearbeitet. Ich habe mich durch Anträge und Bürokratie gearbeitet. Ich hatte auf dem Weg zu diesem Moment nicht nur einen Nervenzusammenbruch. Und nun war dieser Moment schon Vergangenheit. Es war irgendwie surreal.

Wie ich aber sehr schnell merkte ging die „Arbeit“ erst so richtig los. Die ersten 2 Tage war eigentlich nur Bettruhe angesagt. Am 2. Tag durfte ich dann mit Hilfe aufstehen. Und ich konnte mich mit Hilfe etwas waschen und Frisch machen. Die ersten 2 Nächte waren eigentlich die schlimmsten. Ich hatte zwar nach wie vor kaum Schmerzen. Doch auf Dauer wurde das Bett sehr unbequem. Wenn man sich kaum rühren kann und immer nur auf dem Rücken liegen kann meldet sich der ein oder andere Muskel. Eigentlich ist es jammern auf hohem Niveau. Auch wenn man nach etwa 2-3 Stunden in der Nacht doch mal weg gedämmtert ist und plötzlich steht jemand an deinem Bett und sagt so was wie „Hallo, ich bin Schwester Pia und ich werde diese Nacht auf Sie aufpassen“. Und schon schaut sie sich meine Verbände an. Und das wirklich aller 2-3 Stunden. Na gut, schlafen kann ich auch später.

Generell lernt man hier schnell ein anderes Verhältnis zum Thema Scham und Privatsphäre. Wenn, gerade am Anfang, regelmäßig 2 Schwestern, die Verbände Kontrollieren oder wechseln. Und das mit einer Routine und Selbstverständlichkeit gewöhnt man sich schnell daran. Oder wenn bei der Visite 3+ Ärzte dir zwischen die Beine schauen, etwas begutachten und auch bewerten, was ich selbst noch nicht so richtig gesehen hatte. Mit jedem Tag, der vergeht, geht es mir besser. Ich werde mobiler. Inzwischen hatte ich auch eine Bettnachbarin bekommen. Sonja und ich verstehen uns sofort. Sie ist nicht zum ersten Mal hier. Somit kann sie mir viele wertvolle Tipps geben. Dadurch hat sie mir auch viel Angst genommen. Wir konnten uns Stundenlang über alles Mögliche unterhalten. Auch weil wir einen ähnlichen Sinn für Humor haben. Ich denke, dadurch hat sie mir mehr in der ersten Zeit im Krankenhaus geholfen, als Ihr vielleicht klar war. Ich bin sehr dankbar und glücklich das ich sie kennen lernen durfte. Als sie entlassen wurde, fühlte es sich an wie der Verlust eines langjährigen Freundes. Natürlich haben Sie und ich Besuch erhalten. Etwas Kontakt zur Außenwelt ist wichtig. Bis ich selbst das Krankenhaus kurzzeitig verlassen kann, dauert es noch etwas.

Nachdem Sonja gegangen ist, wurde ich gebeten in ein anderes Zimmer um zu ziehen. Dieses wurde nun für einen anderen Patienten gebraucht. Somit lernte ich die liebe Ada kennen. Sie war schon etwas länger hier. Leider gab es Post-Operativ einige Probleme. Ada ist eine junge und lustige Frau die es alles andere als leicht hat(te). Anscheinend reagiert sie sehr sensibel auf so ziemlich alles. Doch das hat sie nie abgehalten sich durch zu beißen und zu kämpfen. Ich kenne einige die sich hier eine Scheibe abschneiden können. Zusammen mit Melinda haben wir uns die nächsten Tage schön gemacht. So gut es eben geht. Ada und Melinda waren schon über 2 Wochen vor mir im Krankenhaus. Wenn man nach so langer Zeit nicht durchdreht hat man ernsthafte Probleme. So machten wir die nähere Umgebung etwas unsicher. Und ja, die letzten Tage vor meiner Abreise fühlte es sich eher wie eine Jugendherberge an. Zwischendurch kam auch noch mal Sonja mit einer Freundin zu Besuch. Wir verbrachten den ganzen Samstag Nachmittag in einem nahen Café. Das habe ich sehr genossen.

Ursprünglich hatte ich mit etwa 2 Wochen Aufenthalt gerechnet. Doch leider gab es bei der Heilung etwas Verzögerungen. Nichts Wildes. Es dauerte nur eben etwas länger. Nach genau 3 Wochen durfte ich dann endlich gehen. Mike hatte sich wieder extra Urlaub genommen, um mich ab zu holen. Das Ganze ist nun auch schon wieder über 3 Wochen her. Trotz der zum Teil unangenehmen Momente denke ich doch sehr gerne zurück. Die nächsten Ziele liegen bereits klar vor mir. Ich habe einen neuen Arbeitsvertrag. Mein Umzug steht an. Ich muss noch zur Kontrolluntersuchung wieder nach München. Und ich werde den Antrag auf Kostenübernahme für den Brustaufbau stellen. Also gibt es auch in Zukunft noch viel zu tun.

Liebe Grüße

Sandra Pietzsch

2 Gedanken zu „Die Zukunft beginnt – Teil 2

  1. Du schreibst „Wieder wurde ich gefragt ob ich nervös war. Aber nicht die Spur von Nervosität.“ Dies war ich schon beim Lesen deines Beitrages. Da bin ich gespannt, wie das bei mir mal wird.
    Herzlichen Glückwunsch zu Deiner OP. Irgendwie beneide ich Dich, da bei mir die KK die Kostenzusage erst einmal abgelehnt hat. Termin hätte ich am 9.7. in Leipzig, aber das werde ich erst einmal vergessen können.

    Tanja

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