Das Ende einer Reise?

Hallo meine lieben,

Heute ist ein ruhiger Tag, ich habe keine Termine. Aktuell bin ich bei meinem Freund zu Hause und genieße die Vorzüge des Home Office. Morgen werde ich mich mit einer Personalvermittlerin auf einen Kaffee treffen. Am Freitag habe ich 2 Bewerbungsgespräche, 10:00 Uhr und 13:00 Uhr. Und am Montag auch noch eins. Das gestrige telefonische Vorgespräch dazu verlief recht gut möchte ich meinen. Den Job von dem ich vor Weihnachten erzählt habe, habe ich leider nicht bekommen. Glücklicherweise drängelt mich ja nichts. Und die Jobs mit den anstehenden Gesprächen hören sich auch sehr spannend an. Also drückt mir bitte die Daumen.

Wie Ihr sicherlich gelesen habt, habe ich endlich den lang ersehnten Termin für meine GaOP. Wenn alles nach Plan läuft wird nächste Woche um die Zeit bereits alles erledigt sein. Und ich freue mich sehr darauf. Wie ich ganz am Anfang meines Blogs mal schrieb ist das eine Spannende und interessante Reise. Und was für eine Reise. Ich habe viel gelernt und viel gesehen. Und viele interessante Menschen kennen gelernt. Einige möchte ich nicht mehr missen. Die ein oder andere Person würde ich ja am liebsten mit nach Frankfurt nehmen. Dennoch steht mein Entschluss fest zu meinem Freund zu ziehen. Ich brauche diese persönliche Veränderung und Entwicklung. Eine Entwicklung die ich mir für viele Jahre selbst verwehrt habe. Die Mauer die ich um mich herum aufgebaut hatte, hat das unmöglich gemacht. 

Und zu jeder persönlichen Entwicklung gehört aber auch die Selbstreflexion. So kurz vor diesem übergroßen Meilenstein dieser Reise, horche ich unentwegt in mich hinein. Willst du das wirklich? Was ist danach? Was ist, wenn was schief geht? Meine Selbstzweifel sind nicht weg. Nur der Ton hat sich verändert. Sie sind jetzt wesentlich leiser als in den früheren Jahren. Aber dennoch da. Zu Beginn dieser Reise hatte ich gespürt das sich dieser Weg, dieses Leben, richtig anfühlt. Das hat sich bis heute nicht geändert. Im Laufe der Zeit wurde mir von vielen Menschen, unabhängig voneinander, ob sie mich vorher kannten oder nicht, bestätigt, dass ich Authentisch als Frau erscheine. Ohne gekünstelt oder verkrampft zu sein. Menschen die meine Vergangenheit nicht kennen scheinen keinen Zweifel zu haben das ich wie jede andere Frau bin. Das was ich ja von Anfang an wollte. Das was ich in meinem Inneren schon immer bin. Warum dann also die Selbstzweifel? Warum die Selbstkritik an meinem Aussehen, Auftreten, Styling? 

Ich selber hatte immer das Gefühl zwischen den Stühlen zu sitzen. Beide Seiten eine Medaille zu sehen. Das erlaubt mir auch einen interessanten Blick auf die Gesellschaft wie ich finde. Natürlich hat das seinen Preis. Wie immer. Momentan fühle ich mich nirgends so wirklich dazugehörend. Im Laufe der Reise hat sich dieses Gefühl mehr in Richtung Weiblichkeit verschoben. Vor allem dann, wenn ich von anderen Frauen als eine der ihren gesehen wurde. Und wir Gespräche geführt haben, die eine Frau normalerweise nicht mit einem fremden Mann führen würde. Deshalb ist es auch für mich so wichtig meine bisherige Umgebung zu verlassen. Wo man mich noch von früher her kennt. Es ist in etwa so wie im 16/17 Jahrhundert, als die Siedler das alte Europa verließen um in Amerika neu anzufangen. Alles ist neu, keiner interessiert sich für deine Vergangenheit. 

Wenn es doch nur so einfach wäre.  Meine Vergangenheit werde ich durch den Umzug nicht los. Meinen Körper werde ich nicht los. Seit dem Outing bei meiner Mutti vor etwas über 2,5 Jahren, behilft sie sich mit dem Gedanken das “die Natur etwas falsch gemacht hat” bei mir. Ich belasse sie in dem Glauben, den so ganz falsch scheint es ja nicht zu sein. Andere würden statt “Natur” einfach “Gott” verwenden. Wie dem auch sei. Nicht selten komme ich umhin diese “Natur”, “Gott” oder auch die Hexe Babajaga zu verfluchen. Wieso muss ich das durch machen? Warum hätte ich nicht auch Chromosomal eine Frau sein können? Oder ein Gehirn bekommen können was glücklich ist ein Mann zu sein? Passend zu Körper. Aber nein, es muss ja von allem was sein. Wieso die Umwege und zusätzlichen Hürden? Zugegeben, in Role Playing Games mache ich auch immer erst die Side Quests bevor ich mich der Haupt Quest Reihe widme. Wahrscheinlich habe ich deshalb Skyrim nie zu Ende gespielt. Oder ist das meine Haupt Quest Reihe, nur auf einem höheren Schwierigkeitslevel? 

Als ich den Termin für meine OP bekommen hatte, war ich sehr erleichtert endlich einen Termin zu haben. Wie erwähnt machte mich das warten, die Ungewissheit, so langsam irre. Danach verfiel ich eine Zeitlang in eine Ungläubige, Erwartungsvolle Starre. Wusste nicht so recht was ich fühlen sollte. Doch seit etwa 2-3 Wochen merke ich wie sich die Vorfreude breit macht. Je näher der Tag rückt schwanke ich stärker zwischen der wachsenden Freude. Aber auch der Angst das wieder etwas schief geht, das wieder was dazwischen kommt wie ich es auf dieser Reise schon so häufig hatte. Aber ich erlaube mir auch mich nur an der Vorfreude zu erfreuen. Endlich! Endlich werde ich das Ding los! Diesen externen Appendix der mich höhnisch daran zu erinnern versucht, an etwas was ich nicht war, nicht bin und schon gar nicht sein will. Diese körperliche Anpassung wird mir helfen es für mich um einiges Realer zu machen. Aber auch für meine Umwelt. Als klares Statement. Ich habe es geschafft. Trotz aller Widrigkeiten. Ich habe dafür Gekämpft und Gewonnen. Ich habe es mir verdient!

Ich genieße es jeden Tag ein Stückchen mehr, mein Leben als Frau. Diese Freude, endlich so zu leben wie ich es mir nicht mal in meinen kühnsten Träumen wünschen konnte, ist einfach unbeschreiblich. Diese Freiheit die man dadurch spürt können nicht-trans Personen nicht mal ansatzweise erahnen. Dafür bemitleide ich sie sogar ein stück. Ja, die Reise war hart. Teilweise sehr hart. Für mich hat sie sich jedoch auf alle Fälle gelohnt. Und ich denke sie ist noch nicht zu Ende. Mein Leben geht jetzt erst mal so richtig los. Ich werde endlich als die Frau leben können die ich mir immer wünschte zu sein. Viele Menschen haben mir auf der bisherigen Reise auf die ein oder andere Weise geholfen. Sei es nur durch eine Umarmung oder dass sie mir zugehört haben. Daher an dieser Stelle an all jene: Vielen Dank.  

Liebe Grüße

Sandra Pietzsch

8 Kommentare

  1. Dann wünsche ich dir auf deinen neuen Weg alles gute

  2. Sandra Pietzsch

    Vielen Dank Marie 🙂

  3. Anne -Marie Pätzold

    Du bist doch auf den richtigen Weg. Ich bin in deinen Fußstapfen und folge dir. Es kann wirklich niemand nachfühlen, der es nicht persönlich erlebt und durchgemacht hat. Diese Reise erfordert Mut und Ausdauer, aber am Ende winkt das Glück. Und dafür nehmen wir alles auf uns….wirklich alles …Deine Schwester Anne -Marie

    • Sandra Pietzsch

      Das ist lieb von dir Anne, auch du schafst dein Ziel. Daran habe ich keinen Zweifel. Deine Schwester Sandra

  4. Marie_Transgender

    Viel erfErf bei der gaop.

    LG

    Marie Transgender x

  5. Alles Gute für die OP.

    Ich glaube nicht das die Reise durch die OP für uns zu Ende geht. Ich vermute dies wird Sie erst mit dem Tod. Aber die OP ist sicher ein schöner Abschnitt auf dieser Reise. Ich hoffe das ich dies dieses Jahr auch noch erleben darf.

    „Diese Freiheit die man dadurch spürt können nicht-trans Personen nicht mal ansatzweise erahnen. Dafür bemitleide ich sie sogar ein stück“ – und ich dachte ich bin die einzige die diese Gedanken hat. Schön zu hören das es anderen auch so geht.

    • Sandra Pietzsch

      Hallo Tanja, vielen dank meine liebe. Ich drücke dir die Daumen das das es schnell mit deiner OP geht. Liebe Grüße, Sandra

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