Alltägliche Situationen

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Letztes Update am 19. Dezember 2017 um 21:48

Alltägliche Situationen

Dieser Beitrag richtet sich eher an sogenannte CisPersonen. Also Menschen die sich mit ihrem Geburtsgeschlecht identifizieren. Als Trans* Person stoßen wir auf alltägliche Situationen, die das Leben einfach nur unnötig schwer machen. Sobald der innere Kampf vorbei ist und man sich entschieden hat, diesen „Weg™“ zu gehen, geht es erst einmal richtig los.

So eine Transition ist vieles, aber kein Spaziergang. Es ist auch kein Sprint. Es ist ein Marathon. Mit vielen Hürden, Unwegsamkeiten und Untiefen, die einen zu verschlingen drohen. Und egal wie sehr man glaubt, vorbereitet zu sein, man ist es nicht. An dieser Stelle geht es nicht um den Streit mit Behörden, Gerichten oder der Krankenkasse. Sondern um alltägliche Situationen. Nicht Betroffene sind verständlicherweise neugierig. Es ist eine neue Welt, über die sie nichts wissen. Und wenn sie Fragen stellen, finde ich das im Normalfall auch gut. Aber es kommt wie immer auf die Art an. Einige der auftretenden Probleme möchte ich hier etwas beleuchten. Je nach Notwendigkeit werde ich diesen Beitrag später noch erweitern. Ich hoffe dieser Artikel regt etwas zum Nachdenken an. Durch einen respektvollen Umgang, können wir viel voneinander lernen.

Alles was ich in diesem Blog schreibe, ist meine eigene Meinung, Erfahrung und Beobachtung. Es muss nicht immer 100%ig korrekt oder vollständig sein. Wenn Ihr aber Ergänzungen oder andere Erfahrungen gemacht habt, ab in Kommentare.

Anstarren:

Mit meinen offiziell 1,80m habe ich eine normale Größe. Für einen Mann. Wenn ich Schuhe mit Absätzen trage, falle ich aber definitiv auf. Und einige meiner Freundinnen sind noch größer oder haben ein noch breiteres Kreuz als ich. Leider starrt der Mensch alles an was aus der Norm fällt. Unfallhelfer können ein Lied davon singen. Und wenn ihr glaubt, wir sehen es nicht – doch, tun wir. Oder wenn getuschelt wird.

Mis-Gendern:

Damit wird das Verwenden des alten Namens und/oder der falschen Pronomen (er/sie) zusammengefasst. Natürlich kann es mal passieren. Korrigiert euch kurz und gut ist. Lange Entschuldigungen machen es eher noch schlimmer. Auch Begründungen wie „Du hast nicht Ritual X abgehalten…“ Oder „Ich kenne dich nun schon xx Jahre…“ sehe ich problematisch. Wenn man sich die Namen von Promis merken kann, auch wenn diese ihren geändert haben. Lied Texte. Die technischen Spezifikationen von duzenden Automodellen. Oder wann welcher entfernte Verwandte was zu wem gesagt hat. Dann sollte ein einfacher Namens- und Pronomenwechsel kein Problem sein. Das Leugnen oder absichtliche Missachten unseres Namens und Identität ist gleich zu setzten mit der Herabwürdigung von uns als Menschen.

Wir sind keine Experten:

Nur weil wir Trans* sind, sind wir keine Experten. Natürlich ist das unser Leben und wir interessieren uns (wieder) dafür. Also lesen/recherchieren wir intensiv zu dem Thema. Für manches braucht man aber eine spezielle Ausbildung. Insbesondere wenn es tiefer in den Medizinischen/Psychiatrischen Bereich geht. Und bei den Deutschen Gesetzen oder Anforderungen der Krankenkasse stehen wir auch nur da und sagen „WTF?“.

Nicht melken:

Selbst wenn wir in dem Bereich ein breiteres Wissen haben mögen, sind wir nicht immer bereit, euch jede Frage zu beantworten. Also nicht einfach das Wissen herausziehen (melken). Etwas eigene Recherche schadet nicht. Das betrifft auch Erfahrungen, Gedanken und Gefühle zu dem Thema.

Persönliche Anmerkung: Da ich mich gerne selber als Lehrerin sehe, werde ich natürlich versuchen, die auftretenden Fragen zu beantworten. Toleranz und Akzeptanz erfordern Wissen. Aber auch ich habe mal einen schlechten Tag.

Seit wann bist du Trans*?:

Aktuelle Forschungen deuten an, dass bereits in der fötalen Entwicklung, durch eine Variation des Hormonhaushaltes, die Entwicklung des Gehirns eine andere geschlechtliche Entwicklung nimmt, als der restliche Körper (bis etwa 7. Woche). Somit lautet die Antwort: schon immer.

Forschungen zu dem Thema zeigen auch daß es nichts Erworbenes ist. Nichts, was anerzogen wurde. Aber auch, dass es nicht wegtrainiert oder therapiert werden kann. Es wird auch nicht durch besondere (traumatische) Ereignisse ausgelöst. Ereignisse in der Kindheit, insbesondere das Verhalten der Eltern, kann das Offenlegen der betroffenen Person beschleunigen oder verzögern. Auch ein ablehnendes Verhalten der Eltern/Bezugspersonen zu einem abweichenden Standpunkt kann den Leidensdruck verlängern und auch erhöhen. Die Selbstmordrate, oder der Versuch, von Trans* Personen liegt je nach Studie zwischen 30% bis weit über 50%. Auch wurde sehr häufig ein selbstzerstörerisches Verhalten, wie zum Beispiel ritzen, Übergewicht oder Magersucht, beobachtet.

Du bist eine Trans*Frau, also bist du eigentlich…:

Eine Frau! Auch wenn ich persönlich mit männlichen Charakteristika geboren wurde, sehe und fühle ich mich als Frau. Ein Trans*Mann ist ein Mann. Punkt. Wir machen die Transition nicht, damit wir weiterhin wie früher, entsprechend unserem Geburtseintrag, behandelt werden. Das ist wahrscheinlich der stärkste Auslöser für unsere Dysphorie. Der gesellschaftliche Zwang zu einem unerwünschten Kleidungsstil, Verhaltensmuster und auch Anrede.

Auch Formulierungen wie „Du bist aber als Mann geboren“ solltet ihr sein lassen. Erstens, ich wurde als Baby geboren. Und zweitens wurde ich nach den männlichen Stereotypen großgezogen. Das ist ein Unterschied. Nur weil eine Trans*Person es nicht immer offen zeigt oder formuliert, ist sie deshalb nicht weniger Trans*.

Wurdest du schon operiert/willst du die OP?:

Stellt niemals diese Frage! Ernsthaft. Wir fragen euch ja auch nicht, ob ihr beschnitten seid oder wann ihr eure Regelblutung habt. Wenn die Person es euch erzählen will, macht sie es von alleine. Das ist etwas sehr Persönliches und geht euch nichts an!

Aber ich will doch nur wissen wie du Sex hast:

Bitte???!!!?? Das geht dich ja gleich noch weniger an. Wenn du es aus „wissenschaftlichen Interesse“ wissen willst, das Internet bietet dir genügend Anschauungsmaterial zu dem Thema.

„Das wichtigste Sexualorgan sitzt zwischen den Ohren und nicht zwischen den Beinen.“
Milton Diamond

Stehst du da jetzt auf Männer oder Frauen?:

An dieser Stelle gleich etwas Aufklärungsarbeit: Als was ich mich selber identifiziere, hat rein garnichts mit dem zu tun, was ich anziehend finde oder ich mir als Partner_in wünsche. Selbst wenn Abkürzungen wie LSBTTIQ das vielleicht andeuten mögen. Das geht dich eigentlich auch nichts an. Wenn wir an dir Interesse haben, wirst du es schon mitbekommen.

Welche Toilette verwendest du?:

Da ich eine Frau bin verwende ich auch die Damentoilette. Nach meiner Beobachtung verwendet jeder die Toilette, die seinem/ihrem aktuellen Erscheinen und Empfinden am ehesten entspricht. Auch Transvestiten machen das so, je nach dem in welcher Erscheinungsform sie gerade unterwegs sind. Nach meinem Wissen gibt es kein Gesetz in Deutschland, welches mir die freie Toilettenwahl verbietet. Und bisher hatte zumindest ich noch nie Probleme damit. Auch kenne ich keine Statistik, die besagt, dass eine Trans*Person eine CisPerson auf der Toilette angegriffen oder sexuell belästigt hätte.

Kann ich alte Bilder von dir sehen?:

Von mir persönlich? Nur ausgewählte, die ich zum Beispiel auf meiner Webseite veröffentliche. Das mache ich primär, um mich selber zu motivieren. Und eventuell andere. Persönlich finde ich es sehr schön zu sehen, wie weit ich gekommen bin. Bevor ich mich wieder nach vorne wende und erschrecke wie weit der Weg noch ist. Andere Trans* Personen mögen das eventuell überhaupt nicht. Auch hier gilt, nicht einfach fragen. In der Regel empfanden wir uns in dieser Phase als verletzlich oder nicht sonderlich attraktiv. Die Bilder erinnern uns nur an eine leidvolle Zeit.

Wie hießt du eigentlich früher?:

Bitte verwende meinen aktuellen Namen. Der andere Name wird nicht umsonst auch „Deadname“ genannt. Toter Name oder auch Name eines Toten. Die Person, die diesen Namen trug, hat aufgehört zu existieren.

Du hast dich aber ganz schön verändert.:

Vom Erscheinungsbild mal abgesehen, da hast du wahrscheinlich recht. Viele Trans*Personen leben durch das Outing bzw. die Transition richtig auf. Ich zum Beispiel war vorher richtig introvertiert, zurückhaltend und depressiv. Und natürlich habe ich Dinge, die mich eigentlich interessiert haben, versteckt. Ich musste ständig überlegen, darf mich das jetzt interessieren oder ist das etwas, was ein normaler Mann weiß oder fragen würde? Andere fangen eventuell an das Klischee eines Mannes oder einer Frau über zu kompensieren. Indem sie sich in den Beruf oder Hobby stürzen. Zum Beispiel immer härter trainieren oder Überstunden machen. Aber auch Alkohol oder Drogen sehen einige als vermeintlichen Ausweg.

Danach ändert sich das Verhalten zum Teil drastisch. Man kommt mit sich und seiner Umwelt wesentlich besser in Einklang. Wird lockerer, fröhlicher und zugänglicher. Eventuell traut man sich auch Dinge zu, die jenseits des Möglichen waren. Auch die Motivation kann sich ändern und verstärken. Oder die Interessen. Man kann nun auch zeigen, was einen wirklich interessiert.

All das ist einem ständigen Wandlungsprozess unterworfen. So muss ich zum Beispiel zugeben, dass ich auch neue Seiten an mir gefunden habe. Daher muss auch ich mich neu kennen lernen. So komisch wie es klingen mag. Eine durch die Hormonbehandlung ausgelöste 2. Pubertät macht die ganze Geschichte auch gleich viel verrückter. Aber auch interessanter.

Zusammenfassung

Wie Ihr seht, haben Trans*Personen viele alltägliche Probleme, die vermieden werden könnten. Gerade in der Anfangszeit sind wir noch dabei, uns selber zu finden und uns in die eigentlich gewünschte Rolle einzufügen. Und die wenigsten wollen die gleiche Frage zum dutzenden Mal beantworten. Wenn überhaupt. Und einige der Fragen sind eigentlich schon sexuelle Belästigung.

Manche Personen sind freizügiger mit ihrem Wissen als andere. Wenn sie ihr Wissen/Erfahrung/Gefühle mit euch teilen wollen, fühlt euch geehrt. Ansonsten respektiert es bitte einfach. Grundsätzlich wollen wir Trans*Personen nur unser Leben in der gewünschten Rolle leben, ohne uns ständig erklären zu müssen. Wir wollen auch nicht von anderen seziert werden.

Bitte verwechselt uns aber auch nicht mit DragQueens oder DragKings. Die betrachten das Spiel mit den Geschlechtern eher als künstlerische Performance oder Ausdruck einer bestimmten Lebensweise. Das hat aber nichts mit Trans* zu tun.

Aber was kannst du nun tun? Ganz einfach. Behandle uns wie jede andere Frau oder Mann auch. Mit Respekt und Achtung. Je nachdem als was wir uns präsentieren. Wenn du dir nicht sicher bist, frage uns. Höflich und unter vier Augen. Wir wollen keine Sonderbehandlung im alltäglichen Leben. Denn was wir wollen ist ein normales, ruhiges Leben. Für Aufregung und Ärger sorgen schon andere.

Zusatz: In dem Artikel bin ich bewusst nicht auf Inter* oder Non-Binary eingegangen oder habe sie aufgezählt. Hierzu fehlen mir einfach die Erfahrungen und das Wissen. Aber vieles kann mit Sicherheit auch für diese Personen gelten. Auch sie verdienen den Respekt und die Achtung wie jeder andere Mensch.

 

Liebe Grüße

Sandra Pietzsch

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